Rechtsprechung & Gesetzesänderungen

Aktuelles

Wichtige BGH- und OLG-Entscheidungen im Verkehrsrecht 2024–2026. Aktuelle Rechtsprechung und Gesetzesänderungen, die für Ihre Rechte relevant sind.

Unfallregulierung / Schadensersatz

BGH, 16.01.2024 VI ZR 239/22

Werkstattrisiko gilt nicht für Werkstätten bei Abtretung

Der BGH stellte klar, dass das Werkstattrisiko ausschließlich dem Schutz des Geschädigten dient. Hat der Geschädigte seine Ansprüche an die Werkstatt abgetreten, muss diese beweisen, dass alle Arbeiten erforderlich und durchgeführt waren.

Abtretungskonstruktionen schützen Werkstätten nicht mehr vor Beweisanforderungen.

BGH, 28.01.2025 VI ZR 300/24

Wechsel von fiktiver zu konkreter Schadensabrechnung

Der BGH bestätigte: Geschädigte, die zunächst fiktiv abgerechnet haben, können nachträglich auf konkrete Abrechnung umstellen — auch für Mehrwertsteuer und Nutzungsausfall.

Mandanten, die ihr Fahrzeug später reparieren lassen, können nachträglich die volle Erstattung verlangen.

BGH, 08.04.2025 VI ZR 25/24

Feststellungsinteresse bei fiktiver Schadensabrechnung

Das Feststellungsinteresse für künftige materielle Schäden besteht auch bei fiktiver Abrechnung. Der Geschädigte muss keine Reparaturabsicht darlegen.

Feststellungsantrag sichert Rechte für künftige Schäden — besonders wichtig bei Verjährungsrisiken.

BGH, 16.07.2024 VI ZR 205/23 u.a.

Merkantiler Minderwert bei Vorsteuerabzug

In vier Parallelentscheidungen klärte der BGH: Bei vorsteuerabzugsberechtigten Unternehmen ist der merkantile Minderwert auf Netto-Basis zu berechnen.

Unternehmer erhalten geringere Erstattungsbeträge beim merkantilen Minderwert als bisher angenommen.

BGH, 05.11.2024 VI ZR 12/24

Haushaltsführungsschaden — Mindestlohn als Untergrenze

Bei der Schätzung des Haushaltsführungsschadens ist der gesetzliche Mindestlohn als Untergrenze heranzuziehen. Dies stärkt die Rechte unfallverletzter Personen.

Besonders relevant für Schwerverletzte und Berufstätige mit Doppelbelastung.

Schmerzensgeld / Personenschäden

OLG Celle, 18.12.2024 14 U 119/24

Individuelle Bemessung des Hinterbliebenengeldes

Das OLG Celle stärkt die individuelle Bemessung: Mitverursachungsbeiträge des Getöteten kürzen das Hinterbliebenengeld quotal, doch die Intensität des persönlichen Näheverhältnisses bleibt entscheidend.

Hinterbliebenengeld auch bei Mitverschulden des Getöteten durchsetzbar.

KG Berlin, 16.10.2024 25 U 52/24

Kein Mitverschulden des Radfahrers ohne Helm

Das Nichtragen eines Fahrradhelms begründet kein anspruchsminderndes Mitverschulden. Es fehlt an einer gesetzlichen Helmpflicht und einer allgemeinen Verkehrssitte.

Radfahrende Mandanten ohne Helm können trotz Kopfverletzungen vollen Schadensersatz verlangen.

OLG Hamburg, 27.02.2025 14 U 72/24

Kein Mitverschulden Motorradfahrer ohne Schutzschuhe

Fehlende Motorradschutzschuhe begründen kein Mitverschulden. Es besteht keine Rechtspflicht zum Tragen und keine allgemeine Verkehrssitte.

Motorradfahrende behalten ungeminderte Ansprüche — gilt entsprechend für fehlende Handschuhe.

Bußgeldverfahren / Messgeräte

OLG Saarbrücken, 10.04.2025 1 Ss (OWi) 112/24

BGH-Vorlage: Beweisverwertungsverbot bei fehlenden Rohmessdaten

Grundlegende Frage vorgelegt: Besteht ein Verwertungsverbot, wenn Rohmessdaten technisch speicherbar wären, aber nicht gespeichert werden? Die BGH-Entscheidung steht aus und wird Tausende Verfahren bundesweit berühren.

Bis zur Klärung sollte der Verwertung substanziiert widersprochen werden.

OLG Karlsruhe, 16.06.2025 3 ORbs 330 SsBs 662/24

Recht auf Einsicht in Wartungs- und Softwareunterlagen

Urteil aufgehoben, weil dem Betroffenen Wartungsunterlagen und die Gebrauchsanweisung der Auswertesoftware vorenthalten wurden. Bußgeldbehörden müssen diese herausgeben.

Verteidiger sollten stets Einsicht in vollständige Messunterlagen beantragen.

VerfGH BW, 27.01.2025 1 VB 173/21 u.a.

Verfassungsrechtliches Akteneinsichtsrecht bei Geschwindigkeitsmessungen

In drei Parallelentscheidungen wurde das Recht auf umfassende Einsicht in Messdaten gestärkt. Bußgeldbehörden müssen alle vorhandenen Messdaten offenlegen.

Richtungsweisend für die gesamte Bundesrepublik.

Führerscheinrecht / MPU

VG Oldenburg, 29.01.2026 7 A 6449/25

Fahrerlaubnisentzug nach MPU-Verweigerung durch betrunkenen Radfahrer

Betrunkenes Radfahren mit 2,1 ‰ und MPU-Verweigerung führte zum Verlust der Kfz-Fahrerlaubnis. Tragen eines Fahrradhelms wurde als Indiz für aktives Fahren gewertet.

Betrunkenes Radfahren kann den Kfz-Führerschein kosten.

BVerwG, 10.10.2024 3 C 3.23

MPU-Pflicht nach Fahrerlaubnisverzicht und erneutem Verstoß in Probezeit

Wer nach freiwilligem Verzicht eine neue Fahrerlaubnis erhält und in der Probezeit erneut auffällig wird, muss mit einer MPU-Anordnung rechnen — Gleichbehandlung von Verzicht und Entzug.

MPU-Anordnung unabhängig davon, ob die Fahrerlaubnis entzogen oder zurückgegeben wurde.

VGH München, 23.04.2025 11 CS 25.203

Cannabis-Legalisierung und Fahrerlaubnisrecht

Für den neuen THC-Grenzwert von 3,5 ng/ml (§ 24a StVG n.F.) ist der Zeitpunkt der letzten Verwaltungsentscheidung maßgeblich. Laufende Wiedererteilungsverfahren müssen die neue Rechtslage berücksichtigen.

Mandanten mit Cannabiskonsum können von der neuen Rechtslage profitieren.

Verkehrsstrafrecht

BGH, 27.03.2024 4 StR 493/23

Verbotenes Kraftfahrzeugrennen — Rennabsicht muss festgestellt werden

Beim Alleinrennen nach § 315d StGB muss das Gericht konkret feststellen, dass der Angeklagte die Absicht hatte, eine höchstmögliche Geschwindigkeit zu erzielen. Eine bloß schnelle Fahrt genügt nicht.

Gezielte Angriffe auf Feststellungen zur Rennabsicht können Verurteilungen zu Fall bringen.

BGH, 26.02.2025 4 StR 526/24

Relative Fahruntüchtigkeit — Abgrenzung Enthemmung vs. Fahruntüchtigkeit

Relative Fahruntüchtigkeit erfordert konkrete Beweisanzeichen neben der Alkoholisierung. Eine Geschwindigkeitsüberschreitung allein genügt nicht als Beleg.

Unterhalb des absoluten Grenzwertes muss die Strafverfolgung konkrete Fahrfehler nachweisen.

OLG Celle, 21.08.2025 3 ORs 2/25

Unerlaubtes Entfernen — „Bedeutender Schaden" bei 2.000 Euro netto

Das OLG Celle tendiert dazu, den Grenzwert für den „bedeutenden Schaden" bei Fahrerflucht (§ 69 Abs. 2 Nr. 3 StGB) auf 2.000 € netto festzulegen — angepasst an gestiegene Reparaturkosten.

Bei Schäden knapp unter 2.000 € sollte die subjektive Wissensebene geprüft werden.

Kfz-Kaufrecht

BGH, 10.04.2024 VIII ZR 161/23

Beschaffenheitsvereinbarung überlagert Haftungsausschluss beim Privatverkauf

Konkret zugesicherte Eigenschaften (z.B. „Klimaanlage funktioniert einwandfrei") werden durch einen allgemeinen Haftungsausschluss nicht beseitigt. Verkäufer haften weiterhin für diese Zusicherungen.

Käufer sollten alle positiven Beschreibungen im Inserat und Vertrag dokumentieren.

OLG Köln, 09.04.2025 11 U 20/24

Pauschale Unfallschadenklausel beim Verbrauchsgüterkauf unwirksam

Vage Klauseln wie „mögliche Unfallschäden" sind nach § 476 BGB n.F. unwirksam. Negative Beschaffenheitsvereinbarungen erfordern ausdrückliche, gesonderte und konkrete Angaben.

Händler können das Mängelrisiko durch vage Klauseln nicht mehr auf Verbraucher abwälzen.

Dashcam / Videobeweise

OLG Köln, 14.03.2025 6 U 82/24

Smart-Glasses als Beweismittel im Unfallprozess

Die BGH-Grundsätze zur Dashcam-Verwertbarkeit wurden auf Smart-Glasses-Aufnahmen übertragen. Auch Helm- und Körperkameraaufnahmen können als Beweismittel verwertet werden.

Datenschutzverstöße führen nicht automatisch zur Unverwertbarkeit im Zivilprozess.

Fahrrad / E-Scooter / E-Bike

LG Lübeck, 26.07.2024 5 O 26/23

E-Bike-Brand: Halterhaftung auch ohne Verschulden

Der Halter eines leistungsstarken E-Bikes (bis 85 km/h) haftet für einen Akku-Brand — auch ohne persönliches Verschulden. § 7 StVG greift, weil das E-Bike als Kraftfahrzeug einzustufen ist.

Haftpflichtversicherung für leistungsstarke E-Bikes dringend empfohlen.

OLG Hamm, 2024 Revision gegen AG Hamm

E-Scooter-Trunkenheitsfahrt führt zum Führerscheinentzug

Betrunkenes Fahren auf dem E-Scooter (1,51 ‰) führt zum Entzug der Kfz-Fahrerlaubnis. Geringeres Gefährdungspotenzial und Ersttäterschaft widerlegen die Regelvermutung des § 69 StGB nicht.

E-Scooter-Fahrer riskieren bei Trunkenheit den Kfz-Führerschein.

Gesetzliche Änderungen 2025/2026

Cannabis-Legalisierung und neuer THC-Grenzwert (ab 01.04.2024)

Das Konsumcannabisgesetz (KCanG) bringt einen neuen THC-Grenzwert im Straßenverkehr:

  • Neuer Grenzwert: 3,5 ng/ml THC im Blutserum (statt bisher 1 ng/ml)
  • Kombinationsverbot: Gleichzeitiger Alkohol- und Cannabiskonsum am Steuer bleibt verboten
  • Regelmäßiger Cannabiskonsum kann weiterhin zur MPU führen
  • Altfälle unter 3,5 ng/ml: Freispruch nach § 4 Abs. 3 OWiG (BayObLG, 10.10.2024 – 202 ObOWi 989/24; OLG Oldenburg, 29.08.2024 – 2 ORbs 95/24)

E-Scooter-Haftungsgesetz — Gesetzentwurf März 2026

Die Bundesregierung beschloss am 18.03.2026 einen Gesetzentwurf zur Verschärfung der E-Scooter-Haftung:

  • E-Scooter sollen künftig der verschuldensunabhängigen Gefährdungshaftung (§ 7 StVG) unterliegen
  • Neue Verschuldensvermutung zulasten des Fahrers
  • Hintergrund: Unfallzahlen stiegen von unter 6.000 (2020) auf über 12.000 (2024)
  • Status: Noch nicht in Kraft getreten

Verschärfter Bußgeldkatalog — Ausgewählte Sanktionen 2025

  • Geschwindigkeitsüberschreitung innerorts +31 km/h: Mind. 1 Monat Fahrverbot
  • Geschwindigkeitsüberschreitung außerorts +41 km/h: Mind. 1 Monat Fahrverbot
  • Rote Ampel + Gefährdung: 1 Monat Fahrverbot, 2 Punkte, über 200 €
  • Schwere Abstandsverstöße: 2 Punkte, 1 Monat Fahrverbot
  • Alkohol am Steuer (≥ 0,5 ‰): 1–3 Monate Fahrverbot

Trends im Verkehrsrecht 2024–2026

BereichTrend
WerkstattrisikoBGH-Klärung: Abtretungskonstruktionen schützen Werkstätten nicht
DashcamAusweitung auf Smart-Glasses; anlassbezogene Aufnahmen verwertbar
MessgeräteBGH-Vorlage zur Rohmessdaten-Frage ausstehend; Akteneinsichtsrechte gestärkt
E-ScooterGesetzentwurf zur Verschärfung der Gefährdungshaftung (März 2026)
CannabisNeuer THC-Grenzwert (3,5 ng/ml); Übergangsrechtsprechung läuft
§ 315d StGBStrenge BGH-Rechtsprechung zu Rennabsicht und Gefährdungsvorsatz
Kfz-KaufrechtVerbraucherschutz gestärkt: Pauschale Mängelklauseln unwirksam
SchmerzensgeldIndividualbetrachtung; kein Mitverschulden für fehlende Schutzausrüstung

Stand: März 2026. Alle Angaben nach bestem Wissen zusammengestellt. Für aktuelle Entwicklungen wird die kontinuierliche Beobachtung der Rechtsprechung empfohlen.

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